Financial Times Deutschland - 9.1.2010
Reif für die Insel: Vom Manager zum Mönch
Als Unternehmer verdiente Hermann Ricker Millionen. Ein Unfall veränderte alles: Er verschenkte seinen Besitz, ging als Bettelmönch nach Thailand - und lehrt nun als Master Han Shan.
von Anja Rützel
Die Geschichte von Master Han Shan klingt wie ein Märchen, bei dem jemand versehentlich die Rückspultaste gedrückt hat. Er wurde nicht vom bettelarmen Hüttenbewohner zum Millionär, Han Shan wählte den umgekehrten Weg: Als millionenschwerer hessisch-katholischer Unternehmer verschenkte er von einem Tag auf den anderen alle seine Firmen, um ein Leben als Bettelmönch zu führen - und unterrichtet nun andere Suchende in den buddhistischen Lehren.
"Als Unternehmer muss man damit leben, nicht zu wissen, was der nächste Moment bringt. Wie entwickelt sich meine Investition, was macht der Mitbewerber?", sagt Han Shan. "Als Mönch spürte ich plötzlich die Sicherheit, nach der ich mich als Manager immer gesehnt habe." "Sicherheit" klingt bei Han Shan wie "Sischäheit", der handfeste Dialekt ist ihm auch nach der Erleuchtung geblieben.
Geboren wurde der Meister als Hermann Ricker 1951 in Offenbach. Er studierte Feinmechanik und Betriebswirtschaft, wanderte mit 23 Jahren nach Singapur aus. Seine Firma für Präzisionsplastik-Spritzgussteile machte in kurzer Zeit Millionenumsätze, Ricker kaufte sich Wohnungen, Autos, eine Jacht und baute ein weltweites Firmennetzwerk auf.
Er produzierte Sprinkleranlagen für die Gartenbewässerung, Krankenhausbedarf wie Einwegspritzen und Kanülen, Logik-Spielzeug im Stil des erfolgreichen "Zauberwürfels". Er kaufte Firmen in den USA, strukturierte sie neu, produzierte in Asien und verschiffte seine Waren in die ganze Welt. Gesamtjahresumsatz seiner Unternehmen: 33 Mio. $.
Sein Leben war schnell, zu schnell. "1995 fuhr ich eines Nachts mit meinem Jaguar den Weg von Singapur nach Penang, im Norden Malaysias, zu einer meiner Firmen", sagt Han Shan. "Dann prallte ich frontal mit einem Laster zusammen, der mit schweren Holzstämmen beladen war. Mein Auto überschlug sich und drehte sich schier endlos lange auf dem Dach. Dann stieg ich unverletzt aus."
Danach ist nichts mehr wie vorher. Die Welt, in der sich der Manager so komfortabel eingerichtet hatte, wird ihm plötzlich zu klein. Er schickt das Hausmädchen nach Hause, schließt sich in seinem Penthouse in Singapur ein, geht nicht ans Telefon, spricht mit niemandem. Drei Tage lang denkt er nach. "Dann stand mein Entschluss fest: Ich wollte mehr über mich wissen. Jahrelang war ich durch die Welt gerast, immer mit riesigem Drive, und habe gedacht, das ist das Leben."
Man kann in dieser Lage esoterische Bücher lesen, anfangen zu malen, sich neben der Arbeit sozial engagieren, ein Jahr Sabbatical machen. Hermann Ricker verschenkt sein komplettes Vermögen.
Der damals Anfang 40-Jährige überschreibt seine Holding seinen engsten Mitarbeitern, um dann frei von Ballast als Bettelmönch in Thailand zu leben. Nicht für ein Sabbatical, sondern für immer. Die Mitarbeiter sind von seinem rigorosen Entschluss schockiert, reden ihm zu, einen Teil seines Vermögens zu parken, das Mönchsleben erst einmal ein Jahr lang auszuprobieren. "Aber ich wollte ja die Wahrheit finden", sagt er, "da kann ich doch schlecht mit einer Unwahrheit anfangen."
Auch als Unternehmer sei er schließlich kein Freund von halbherzigen Entscheidungen gewesen: "Meine Firmen waren mir sehr wichtig, ein Teil meines Lebens - aber eben nur ein Teil. Ich wusste immer: Da kommt noch was."
Ricker legt ein Armutsgelöbnis ab und zieht nach Don Savan, auf eine verlassene, unbewohnte Insel in einer der ärmsten Regionen Thailands. Dabei hat er nur ein Moskitozelt, Waschzeug, ein wenig Proviant und eine Mönchsrobe. "Natürlich war der Anfang schwer", sagt er. "Ich habe in meinem Unternehmerleben nie meine Kleider gewaschen, nie gekocht, hatte für alles Angestellte. Jetzt wurde ich plötzlich von allen möglichen Insekten gepiesackt - ich hatte keine Ahnung, dass es so viele verschiedene Arten von Ameisen gibt."
Han Shan hat ein Buch über seine Wandlung geschrieben: "Wer ... Han Shan hat ein Buch über seine Wandlung geschrieben: "Wer loslässt, hat zwei Hände frei: Mein Weg vom Manager zum Mönch"
Im Wald bezieht er ein einfaches Hüttchen, in dem er bis zu 15 Stunden am Tag meditiert. Auch sein Name ist neu: Han Shan bedeutet "großer Berg". Mit einem kleinen Ruderboot fährt er morgens 40 Minuten über den See in die nahe gelegene Stadt, um dort den klassischen Bettelgang der thailändischen Mönche anzutreten. Eine radikale Kehrtwende: Plötzlich ist er auf den guten Willen anderer angewiesen, wenn er etwas zu essen haben will.
Das Leistungsprinzip, nach dem er früher gelebt hatte, existiert in seinem Mönchsleben nicht. Stattdessen lebt er in totaler Abhängigkeit: "Als Mönch darf man die Menschen nicht um bestimmte Speisen bitten. Eigentlich wollte ich mich vegetarisch ernähren, doch das konnte ich ja niemandem mitteilen", sagt Han Shan. So landet gelegentlich auch mal ein frittierter Frosch in seiner Essensschale.
227 Regeln muss ein buddhistischer Mönch einhalten. Vermisste Han Shan bei all den Unbequemlichkeiten und Einschränkungen niemals sein altes Leben mit seinen Annehmlichkeiten? "Manchmal habe ich an meine Koikarpfen gedacht. Ich fand es immer sehr beruhigend, sie in ihrem Teich zu betrachten, sie haben mich schon an meinen Schritten erkannt und sich dann in Ufernähe versammelt."
Seine materiellen Besitztümer habe er nie vermisst, ebenso wenig das unternehmerische Handeln, den Reiz des Risikos, die Leidenschaft, neue Geschäftsfelder zu erschließen: "Manager schleppen so viele Steine mit sich herum. Man darf sie nicht zu groß werden lassen, sonst liegt man plötzlich sechs Fuß unter der Erde - und dann kommt der richtig große Stein obendrauf."
Manchmal blitzt auch im heiteren, von allen irdischen Eitelkeiten befreiten Mönchsdasein ein bisschen Unternehmergeist auf: Als in seiner Gemeinde das Geld für den Neubau einer Kapelle knapp wird, besorgt er beim Altglashändler leere Schnapsflaschen, aus denen er die Fenster baut. Eine echte Innovation, die einige zunächst verschreckt. "Aber die Wirkung war enorm: Das Licht fiel funkelnd durch das Glas und schuf eine ganz besondere Atmosphäre in der Kapelle."
Für Han Shan eine ganz einfache energetische Rechnung. Wenn man in ein Projekt gute Energie hineingebe, komme zwangsläufig auch gute Energie zu einem zurück. So einfach erklärt er die Grundregeln seiner Lehre, als handle es sich um ein simples Kuchenrezept: "Wir müssen einfach alles loslassen, was die gute Energie in uns überlagert. Der Ballon, so schön bunt er auch sein mag, kann nur fliegen, wenn er nicht angebunden ist."
Eventuell, räumt er ein, sei das in einer einsamen Waldhütte leichter einzuhalten als im fünften Businessmeeting. Trotzdem bleibt er bei seinem Rat: "Werden Sie eine ,person with cloud‘, ein Mensch mit kühlem Kopf also, der sich nicht gleich von seinen Gefühlen hinreißen lässt und den Leuten mit der Keule auf den Kopf haut." Schließlich bestünden wir alle aus Sternenstaub: "Wir stehen mit dem ganzen Kosmos in Verbindung. Wenn ein Manager die reine Energie in sich trägt, überträgt sich das auch nach außen, auf seine Mitarbeiter, das ganze Unternehmen. Ein Betrieb ist am Ende die Summe der Energie aller Beteiligten."
Zehn Jahre nach seinem Gelöbnis hat Han Shan seine Mönchsrobe schließlich wieder abgelegt, um zum buddhistischen Meister zu werden - vom Lernenden zum Lehrenden. Nun hilft er gestressten Menschen - darunter naturgemäß viele Unternehmer und Manager - dabei, ihr Energiefeld zu reinigen und ihr Bewusstsein zu schärfen. Auf einem geschenkten Stück Land hat er das Nava Disa Retreat Center gebaut, ein Urlaubsdomizil für meditationswillige Europäer. Er selbst schläft bis heute in einer Hütte im Wald. "So habe ich mir das gewünscht, als ich Mönch wurde", sagt er. Und bei Meister Han Shan aus Offenbach klingt "Mönch" wie "Mensch".
Artikel Online: Financial Times Deutschland
