FAZ - 24.11.2009


Master Han Shan

Vom Manager zum Mönch - Unfall zur Erleuchtung

Von Isabel Winkler

 

Sein Auto, sein Haus, seine Yacht – alles gab er fort. In einer Nacht vor vierzehn Jahren änderte sich seine Einstellung zum Leben von Grund auf. Kurze Zeit später wurde er Mönch. Ein wenig wehmütig wurde Hermann Ricker damals nur, als er seine Kois weggab.

 

Alles begann 1974 kurz vor seinem 23. Geburtstag, als der gebürtige Offenbacher mit seiner Frau nach Singapur ging, um dort Produktionsleiter der Firma Rollei zu werden. „Deutschland war mir einfach zu verkrustet, ich wollte raus und andere Kulturen kennenlernen.“ Nicht einmal die Familie hielt ihn in Deutschland. In seinem Buch „Wer loslässt, hat zwei Hände frei“, das in diesen Tagen erscheint, schreibt er, er sei immer „der stille, eher unergründliche Außenseiter“ gewesen. In der neuen Umgebung fühlte er sich schnell wohl. Der Zusammenhalt unter Kollegen und die östliche Lebensweise begeisterten ihn.

 

In seinem Job ging er auf. Im Gegensatz zu seiner Frau. Sie fand als gelernte Sekretärin keine Anstellung, langweilte sich und reiste nach einem halben Jahr zurück nach Deutschland. „Für mich war es eigentlich nie eine Frage, ob ich zurück nach Deutschland gehe“, meint Ricker, der heute Master Han Shan (großer Berg) heißt – und der sich damals bald scheiden ließ. Geschäftlich gelang ihm alles. Die Produktion lief auf Hochtouren, bald gründet er seine eigene Firma, dann eine Holding. Er erzielte Jahresumsätze von über 30 Millionen Dollar, beschäftigte 1000 Angestellte. „Mein Glück als Millionär war es, gute Geschäfte zu machen.“ Schon damals sei es ihm wichtig gewesen, alles im Fluss zu halten, so dass Zulieferer, Kunden ein gutes Gefühl beim Abschluss haben. Überheblichkeit oder Allüren seien nicht seine Sache gewesen. Nie habe er mit dem Ziel gehandelt, Geld zu scheffeln. Schon damals meditierte er, um seine Aufmerksamkeit zu schärfen.

 

Im März 1995 war Ricker in seinem Jaguar XJ6 auf dem Weg von Singapur zu seiner Firma nach Penang. Ein Lastwagen, den er überholte, scherte aus, weil der Fahrer am Steuer eingeschlafen war. Seine Limousine wurde herumgeschleudert und zerstört. Ricker überlebte unverletzt. In den nächsten Tagen rückten existentielle Fragen in den Mittelpunkt. Ihm wurde bewusst, dass das Leben vergänglich ist, dass er nichts mitnehmen kann. „Ich merkte, dass ich viel über die Welt wusste, aber über mich selbst wusste ich gar nichts“, sagt Master Han Shan. Schnell war er sich sicher, dass er Bettelmönch werden möchte. Er gab sein komplettes Hab und Gut weg. „Ich musste in mir Platz schaffen. Wo sollte ich sonst das neue Wissen ansammeln?“ Als Mönch Ophaso („Hell erleuchtet mit innerem Wissen“) lebte er zwei Jahre alleine auf der Insel Don Savan im Nordosten Thailands, danach acht Jahre im Wald. Drei Gewänder, ein Paar Slipper, einen Schirm, ein Moskitozelt, Waschzeug – mehr besaß er nicht. Nur mit eisernem Willen ertrug er die Blutegel beim Waschen seines Gewandes im Bach und die Ameisen in der Nacht. Es gab Tage, an denen meditierte er 15 Stunden. Morgens brach er zur „Bettelrunde“ in eine kleine Stadt auf. Fischer nahmen ihn in ihrem Boot mit. „Die Menschen haben sehr freundlich reagiert. Sie waren stolz, dass ein Europäer ihre Kultur angenommen hat.“ Um Nahrung brauchte Ophaso sich keine Sorgen zu machen. Die Mönche sind in die Kultur eingewoben, die Menschen geben ihnen gerne etwas ab.

 

„Anfangs hatte ich ein mulmiges Gefühl, von Menschen etwas anzunehmen, die auch nicht viel haben, gerade weil ich zuvor alles im Überfluss hatte.“ Geben werde in Thailand aber als Handlung begriffen, die primär dem Gebenden selbst guttut und weniger dem, dem man etwas gibt. Obwohl er nicht viel über das Leben der Bettelmönche wusste, habe er keine Angst gehabt, dass seine Erwartungen enttäuscht würden. Das für Außenstehende sorgenfrei anmutende Leben eines Millionärs mit all seinen Vorzügen und der vermeintlichen finanziellen Sicherheit tauschte er ohne Zögern ein. Zehn Jahre war Ricker Ophaso. Er meditierte und sagte sich von allem los, akzeptierte, dass alles vergänglich ist, und erkannte, dass alle Gedanken, Gefühle und Vorstellungen kommen und gehen.

 

Wenn er sich die Menschen anschaut, sieht er, wie sie einen „schweren Stein“ hinter sich her schleppen. „Man macht sich selbst abhängig von Besitztümern, aber was hat man davon?“ Er erzählt, wie ihm damals eine Frau jeden Tag eine Hähnchenkeule in seine Bettelschale legte, bis sie plötzlich nicht mehr kam. Er sah sie nie wieder und war bitter enttäuscht. Von dem Tag an knechtete er sich dazu, nie wieder Hähnchen zu essen, „weil man sich abhängig von dummen Sachen macht“. „Warum knüpfe ich mein eigenes Wohlbefinden an andere?“, fragte er sich – und wollte dann auch anderen die Türe zu diesen Erkenntnissen öffnen. Nach zehn Jahren legte er die Kutte ab, um seine Erkenntnisse auch nach Europa zu bringen. Er reist herum, hält Vorträge und lädt Neugierige ein, zu ihm zu kommen, nach Nava Disa („Fenster zum Himmel“), einem „Retreat Center“, das er erbaut hat. Fast klingt das schon wieder nach einem wachsenden Unternehmen. Rund 200 000 Quadratmeter ist das Anwesen groß. Den Besuchern stehen Bungalows zur Verfügung, morgens wird gemeinsam meditiert, auf dem Speiseplan steht Vegetarisches. „Die Einstiegsstufe sollte nicht zu hoch sein.“ Die Besucher müssen für 2000 Euro in drei Wochen nicht auf die extreme Art zu sich selbst finden. Der Weg zu Erkenntnis und Wissen sei individuell.

 

Was aus seinen ehemaligen Firmen geworden ist und was mit seinen Millionen passierte – das hat er sich nie gefragt. Er macht einen ausgeglichenen Eindruck. Die weiße Farbe seines Leinengewands symbolisiert Reinheit. Den Namen Han Shan trägt er wie schon ein chinesischer Dichter und ein Gelehrter zuvor. Auch in Deutschland würde er gerne ein „Retreat Center“ errichten. Sollte sich sein Buch gut verkaufen, könnte das Geld in dieses Projekt fließen. Spirituelle Hilfe glauben ja heute viele nötig zu haben.

 

Bericht Online - FAZ.net